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Die Insolvenzwelle im Handwerk: Warum immer mehr Betriebe in die Krise geraten

In vielen Regionen Deutschlands schließen Handwerksbetriebe ihre Türen – oft still und ohne großes Aufsehen. Die Zahlen des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) sprechen eine klare Sprache: Im Jahr 2024 meldeten exakt 4.350 Handwerksunternehmen Insolvenz an.

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Stapel von Rechnungen und Finanzunterlagen
Steigende Materialpreise belasten die Margen im Handwerk. · © Unsplash

In vielen Regionen Deutschlands schließen Handwerksbetriebe ihre Türen – oft still und ohne großes Aufsehen. Die Zahlen des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) sprechen eine klare Sprache: Im Jahr 2024 meldeten exakt 4.350 Handwerksunternehmen Insolvenz an. Das sind 18,9 Prozent mehr als 2023 (3.660 Fälle) und der höchste Stand seit 2016. Creditreform und der ZDH führen den Anstieg vor allem auf die anhaltende Wohnungsbaukrise, schwachen privaten Konsum und steigende Kosten zurück. Für 2026 zeichnen sich keine rasche Entspannung ab.

Hinter den Zahlen steht ein strukturelles Problem: der massive Fachkräftemangel. Der ZDH schätzt rund 250.000 offene Stellen im Handwerk. Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) bestätigt: Seit 2015 gibt es in handwerklichen Berufen mehr offene Stellen als arbeitslose Fachkräfte. Jährlich bleiben etwa 19.000 Ausbildungsplätze unbesetzt, wie der Berufsbildungsbericht und ZDH-Angaben zeigen. Gleichzeitig stehen in den nächsten fünf Jahren rund 125.000 Betriebsnachfolgen an – viele davon werden voraussichtlich nicht realisiert.

Ein zentraler Grund liegt in gesellschaftlichen Prioritäten. Seit Jahren entscheiden sich deutlich mehr junge Menschen für ein Studium als für eine berufliche Ausbildung. Die Tagesschau berichtete bereits 2024, dass es inzwischen mehr als doppelt so viele Studierende wie Auszubildende gibt. Der Hörsaal gilt nach dem Abitur oft als Standardweg, während das Handwerk als Alternative für diejenigen wahrgenommen wird, die „nicht studieren können“. Dabei belegen Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und vergleichbarer Analysen, dass Gesellen, Meister und Techniker im Lebensverlauf ein Einkommen erzielen, das dem Durchschnitt akademischer Absolventen entspricht – mit dem Vorteil früherer Berufseinstiege und oft größerer Unabhängigkeit.

Wer den Schritt in die Selbstständigkeit wagt, stößt schnell auf ein weiteres Hindernis: die Bürokratie. ZDH-Präsident Jörg Dittrich brachte es auf den Punkt: „Die Bürokratie, die wir uns im Laufe der Jahrzehnte geschaffen haben, ist eine schwere Kugel am Fuß des Mittelstands geworden und bremst viele Betriebe massiv aus.“ Eine Studie des Forschungsinstituts für Berufsbildung im Handwerk an der Universität zu Köln zeigt: Rund jeder vierte neue Meister verzichtet wegen des hohen Verwaltungsaufwands auf die Gründung oder Übernahme eines Betriebs. Lieferkettensorgfaltspflichten, detaillierte Arbeitszeitdokumentationen oder umfangreiche Formulare bei öffentlichen Ausschreibungen kosten Zeit, die schlicht nicht vorhanden ist. Betriebsbefragungen von Kammern deuten darauf hin, dass ein erheblicher Teil der Arbeitszeit von Inhabern allein für administrative Pflichten aufgewendet wird.

Die Politik setzt auf Fachkräfteeinwanderung und Bildungsreformen, doch vor Ort fehlen spürbare Anreize für den Nachwuchs. In einer Umfrage im Auftrag von Bosch Power Tools aus 2025 nannten 61,9 Prozent der Befragten bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen als wichtigstes Mittel, um junge Menschen für Handwerksberufe zu gewinnen. Wertschätzung, klare Aufstiegswege und weniger starre Regelungen spielen ebenfalls eine Rolle – während das duale System weiterhin mit Imageproblemen kämpft.

Das Handwerk bleibt ein zentraler Pfeiler der deutschen Wirtschaft: Es saniert Gebäude, sichert Infrastruktur und trägt maßgeblich zur regionalen Wertschöpfung bei. Die aktuelle Entwicklung zeigt jedoch, dass ohne gezielte Gegenmaßnahmen weitere Betriebe unter Druck geraten werden. Der ZDH fordert seit Langem die gesetzliche Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung, eine spürbare Reduzierung bürokratischer Lasten, stärkere Berufsorientierung in Schulen und gezielte Entlastungen für kleine und mittlere Betriebe.

Ob die Insolvenzzahlen weiter steigen oder sich stabilisieren, hängt wesentlich davon ab, wie schnell und konsequent diese Herausforderungen angegangen werden. Die Signale sind eindeutig – die Zeit um wirksame Lösungen zu finden läuft ab.

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